Wissenswertes rund um Handelssysteme – Was versteht man hierunter?
Handelssysteme an der Börse gehen beim Wertpapierhandel von bestimmten theoretischen Annahmen aus, die begründen sollen, warum sich Wertpapiere mit einem bestimmten Kurs innerhalb einer bestimmten Zeitspanne um einen bestimmten Wert in eine bestimmte Richtung entwickeln. Die Entwicklung von Handelssystemen ist historisch gewachsen und geht ständig weiter, heutzutage mittels automatisierter Systeme, die durch Expert Advisors umgesetzt werden (bis zu 8000 Trades pro Sekunde), und sie befindet sich in einer ständigen Diskussion.
Vermutlich gab es Handelssysteme oder den Ansatz dazu schon so lange, wie es organisierten Handel zwischen Menschen gibt, also seit Jahrtausenden. Auf jeden Fall ist bekannt, dass auf Charts basierende Handelssysteme in Japan zur Prognose von Reispreisen bereits im 18. Jahrhundert eingesetzt wurden. Die Diskussion um Handelssysteme wird seit dem 20. Jahrhundert hauptsächlich um die Bedeutung von Fundamental-oder technischer Analyse und der entsprechenden Handelsansätze geführt, und sie ist in Mitteleuropa bislang unentschieden. Die Verfechter der Fundamentalanalyse gehen von Unternehmensdaten oder volkswirtschaftlichen Überlegungen (im Bereich von Anleihen, Indizes und Devisen) aus und versuchen damit die Entwicklung von Kursen zu begründen und zu prognostizieren. Einige der erfolgreichsten Spekulanten des 20. Jahrhunderts wie Georges Soros und Warren Buffet hatten mit diesem Ansatz unerhörten Erfolg. Ebenso entspricht die Gesetzeslage in Bezug auf das Verbot von Insidergeschäften nach wie vor diesem Ansatz, denn hier geht man davon aus, dass das Wissen um Unternehmensinterna Vorteile beim Wertpapierhandel bringen kann.
Die Vertreter der Charttechnik lehnen den Ansatz der Fundamentalanalyse mehr oder weniger global ab und postulieren, dass a) alle relevanten Informationen in den Kursen eingepreist sind und b) der Markt eben nicht rational auf positive oder negative Nachrichten angemessen reagiert, sondern nach den Gesetzen der Massenpsychologie Tendenzen zu mehr oder weniger starken und raschen Kursbewegungen entwickelt, aus deren Mustern man dennoch anwendbare Prognosen ableiten kann. Sämtliche elektronischen Handelssysteme basieren auf diesem Ansatz und versuchen ihn mittels Algorithmen zu mathematisieren. Einige Grundmuster, die angewandt werden, sind trendfolgende Systeme, Breakout-Systeme, Volatilitätsbasierte Systeme, Umsatzbasierte Systeme und Revelatorsysteme. Letztere werden bevorzugt von Hedgefonds angewandt.
Die moderne Diskussion um Handelssysteme wurde im Juli 2008 durch das Buch "Fraktale und Finanzen" des 2010 verstorbenen Mathematikers Benoit Mandelbrot erneut angestoßen. Dieser hatte sich 40 Jahre seines Lebens mit der Struktur der Finanzmärkte beschäftigt, ohne ein brauchbares Handelssystem finden zu können, und postuliert in seinem Spätwerk hauptsächlich die chaotische Struktur der Märkte, die sich nach heutigem wissenschaftlichen Erkenntnisstand einer Mathematisierung bislang entzieht. Es ist daher das Fazit zu ziehen, das erfolgreiche Handelssysteme zu einem großen Teil auf der Intuition der etwa 10% erfolgreichen Trader basieren, selbst wenn diese sich auf ein Handelssystem berufen.